04. September 2026

Neues Getreide im Einsatz: SINS, Ohrrandnekrosen und Schwanzbeißen jetzt im Blick behalten

 

Risiken früh erkennen, bevor Schäden entstehen. Aktuell berichten zahlreiche Betriebe über vermehrte Fälle von Ohrrandnekrosen, Schwanzspitzenschäden und SINS-ähnlichen Symptomen. Neben Haltung und Management rückt dabei die Futterqualität in den Fokus. Welche Bedeutung Mykotoxine und Ergotalkaloide haben und wie ein systematisches Futtermittelmonitoring bei der Risikobewertung unterstützen kann, lesen Sie im folgenden Beitrag.

 

Aktuell häufen sich wieder Meldungen aus der Praxis über Ohrrandnekrosen, Schwanzspitzennekrosen, SINS-Symptome (Swine Inflammation and Necrosis Syndrome) und teilweise verstärktes Schwanzbeißen. Da in vielen Betrieben inzwischen die neue Ernte verfüttert wird, sollte neben Haltung, Klima und Management insbesondere die Futterqualität aufmerksam geprüft werden.

In den vergangenen Jahren haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass Veränderungen an Ohren, Schwanz, Klauen oder Zitzen häufig nicht allein durch Beißverletzungen oder technische Mängel entstehen. Vielmehr spielen Entzündungsprozesse im Körper, Störungen der Darmgesundheit sowie Durchblutungsstörungen eine wichtige Rolle. Diese Zusammenhänge werden insbesondere im Rahmen des SINS-Syndroms beschrieben.

Mykotoxine und Ergotalkaloide als mögliche Auslöser

Mit dem Einsatz neuerntiger Getreidepartien steigt jedes Jahr die Aufmerksamkeit für Mykotoxine und Mutterkorn. Besonders Fusariumtoxine wie Deoxynivalenol (DON) oder Zearalenon (ZEA) können die Darmbarriere schädigen, Entzündungsreaktionen fördern und die Widerstandskraft der Tiere beeinträchtigen. Gleichzeitig werden Mykotoxine als möglicher Risikofaktor für die Entstehung von SINS diskutiert.

Zusätzlich rücken Ergotalkaloide aus Mutterkorn wieder stärker in den Fokus. Diese Stoffe wirken gefäßverengend und können die Durchblutung von Körperenden wie Ohren, Schwanz, Klauen und Extremitäten beeinträchtigen. Sichtbare Folgen können Rötungen, Schwellungen, Nekrosen und Gewebeverluste sein.

Besonderes Augenmerk auf die Ernte 2026

Viele Regionen Deutschlands haben 2026 einen insgesamt deutlich zu trockenen Sommer erlebt. Dennoch bedeutet Trockenheit nicht automatisch ein geringes Risiko für Mutterkorn.

Gerade während der Blütephase kam es regional zu Niederschlägen, die günstige Bedingungen für eine Infektion mit Mutterkorn geschaffen haben. Feuchtigkeit während der Blüte gilt als entscheidender Faktor für die Ausbreitung von Claviceps purpurea. Deshalb können auch in einem insgesamt trockenen Jahr einzelne Schläge oder Partien erhöhte Gehalte an Mutterkorn und Ergotalkaloiden aufweisen.

Besonders Triticale- und Roggenpartien aus Beständen mit ungleichmäßiger Blüte, Lagerstellen oder Niederschlägen während der Blüte sollten deshalb kritisch bewertet werden. Roggen gilt aufgrund seiner Fremdbefruchtung als die am stärksten gefährdete Getreideart für Mutterkorninfektionen, während auch Triticale eine hohe Anfälligkeit aufweist.

Eine ausschließlich optische Kontrolle der Erntepartien reicht häufig nicht aus. Zwischen sichtbarem Mutterkornbesatz und dem tatsächlichen Gehalt an Ergotalkaloiden besteht nicht immer ein enger Zusammenhang. Auch optisch wenig auffällige Partien können relevante Ergotalkaloidgehalte enthalten. Im Verdachtsfall schafft daher nur eine Laboruntersuchung Sicherheit.

Von Nekrosen zum Schwanzbeißen

In vielen Fällen werden zunächst Ohrrandnekrosen oder Veränderungen an den Schwanzspitzen beobachtet. Geschädigtes oder entzündetes Gewebe wird von anderen Schweinen häufig vermehrt beachtet und beleckt. Daraus kann sich ein Beißgeschehen entwickeln, das zunächst als klassisches Schwanzbeißen erscheint.

Nicht jedes Schwanzbeißen ist daher ausschließlich auf Haltungs- oder Beschäftigungsmängel zurückzuführen. Treten Probleme plötzlich nach Einsatz neuer Futtermittelchargen auf oder verschärfen sie sich ohne erkennbare Veränderungen im Management, sollten immer auch futterbedingte Ursachen berücksichtigt werden.

Was Schweinehalter jetzt tun sollten

  1. Neue Getreidechargen bewerten
  • Eigene Ernte und Zukaufsware kritisch prüfen.
  • Besonders Triticale und Roggen im Blick behalten.
  • Bei Verdacht Proben ziehen und untersuchen lassen.
  1. Auf Mykotoxine und Ergotalkaloide untersuchen
  • DON
  • Zearalenon (ZEA)
  • Weitere relevante Fusariumtoxine
  • Ergotalkaloide bei Verdacht auf Mutterkornbelastung
  1. Tiere gezielt kontrollieren

Frühe Warnsignale sind:

  • Ohrrandnekrosen
  • Schwanzspitzennekrosen
  • Rötungen an Ohren oder Schwanz
  • Kronrand- und Klauenveränderungen
  • Unruhe in den Buchten
  • Zunahme von Schwanz- oder Ohrbeißen
  1. Fütterung anpassen
  • Neue Erntepartien schrittweise einsetzen.
  • Belastete Chargen möglichst vermeiden oder austauschen.
  • Futteraufnahme und Wasserverbrauch kontrollieren.
  • Darmgesundheit gezielt unterstützen.
  • Der gezielte Einsatz von Mykotoxinbindern bzw. Toxinmanagement-Produkten kann dazu beitragen, die Auswirkungen von Mykotoxinen und anderen unerwünschten Stoffwechselprodukten im Futter abzufedern.
  • Welche Produkte und Einsatzmengen für den jeweiligen Betrieb sinnvoll sind, sollte gemeinsam mit dem Futtermittelberater, Tierarzt oder Fütterungsexperten abgestimmt werden. Eine individuelle Bewertung der Futteruntersuchungsergebnisse bildet dabei die Grundlage für zielgerichtete Maßnahmen.
  1. Management nicht vernachlässigen
  • Ausreichend Beschäftigungsmaterial bereitstellen.
  • Fressplatzangebot überprüfen.
  • Stallklima optimieren.
  • Tiergruppen möglichst stabil halten.

Auch Käufer von Alleinfuttermitteln sollten aufmerksam bleiben

Betriebe, die ausschließlich Fertig-Alleinfutter beziehen, sind von diesen Risiken nicht grundsätzlich ausgenommen. Zwar verfügen Futtermittelhersteller über umfangreiche Qualitäts- und Wareneingangskontrollen, dennoch können sich Rohwarenqualitäten im Verlauf der Ernte verändern.

Treten vermehrt Ohrrandnekrosen, Schwanzspitzenschäden, SINS-Symptome oder Schwanzbeißen auf, sollte deshalb auch bei Alleinfutterbeziehern die Fütterung als möglicher Einflussfaktor betrachtet werden. Empfehlenswert ist in diesen Fällen ein frühzeitiger Austausch mit dem Futtermittellieferanten oder Berater. Gemeinsam können Futterchargen, Rohwarenqualitäten und mögliche Risikofaktoren bewertet und bei Bedarf weitere Untersuchungen veranlasst werden.

Risiken erkennen, bevor Schäden entstehen

Die aktuelle Situation zeigt einmal mehr, wie wichtig Transparenz entlang der Futtermittelkette ist. Insbesondere bei neuen Getreidepartien und wechselnden Rohwarenqualitäten profitieren Betriebe von einer kontinuierlichen Markt- und Qualitätsbeobachtung.

Im Rahmen des gemeinsamen Futtereinkaufs begleitet die RVV Beratung ihre Schweinehalter bei der Beschaffung von Futtermitteln (Hier mehr zum Thema RVV Futtereinkauf erfahren). Ein zentraler Baustein ist dabei das laufende Futtermittelmonitoring. Hier werden regelmäßig Futterproben gezogen und fortlaufend und standardmäßig sowie problemorientiert untersucht. Ziel ist es, mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen, Entwicklungen am Rohwarenmarkt zu bewerten und gemeinsam mit den Betrieben rechtzeitig geeignete Maßnahmen einzuleiten.

Fazit

Aktuell werden aus der Praxis wieder vermehrt Fälle von Ohrrandnekrosen, Schwanzspitzennekrosen und SINS-ähnlichen Veränderungen gemeldet. Vor dem Hintergrund der neuen Ernte sollte dabei insbesondere die Futterqualität in den Fokus rücken. Obwohl der Sommer 2026 vielerorts außergewöhnlich trocken verlief, konnten Niederschläge während der Blüte insbesondere bei Triticale und Roggen regional günstige Bedingungen für die Bildung von Mutterkorn schaffen.

Wer jetzt erste Veränderungen an Ohren oder Schwänzen beobachtet, sollte nicht nur Haltung und Management überprüfen, sondern auch die eingesetzten Getreide- und Futtermittelchargen kritisch hinterfragen. Eine frühzeitige Untersuchung auf Mykotoxine und Ergotalkaloide kann helfen, Risiken rechtzeitig zu erkennen und größere Schäden im Bestand zu vermeiden.

Praxistipp: Treten nach der Umstellung auf neues Getreide vermehrt Ohrrandnekrosen, Schwanzspitzenschäden oder Unruhe in den Buchten auf, empfiehlt sich eine zeitnahe Überprüfung der eingesetzten Futtermittel. Je früher mögliche Belastungen erkannt werden, desto schneller können Gegenmaßnahmen eingeleitet und wirtschaftliche Schäden begrenzt werden.

Bei Fragen zum Thema wenden Sie sich gerne an die Ansprechpartner des RVV – Teams Beratung!

 

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